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1.- Presse und Realität
Man könnte glauben, die Ereignisse geschähen und glitten dann automatisch in die Zeitungen hinüber, von der Wirklichkeit in die Presse, von der Realität in die Wiedergabe. Das ist nicht richtig. Weil die Reproduktion der Wirklichkeit unendlich wichtiger ist als das Geschehnis selbst, so ist die Wirklichkeit seit langem bemüht, sich der Presse vorzuführen, wie sie gern möchte, dass sie aussehe. Der Nachrichtendienst ist das komplizierteste Lügengewebe, das je erfunden worden ist. Weit entfernt, etwa die Nachrichten von Ereignissen möglichst so wiederzugeben, wie sie geschehen sind, die Wiedergabe also möglichst der Wahrheit anzunähern, ist das Bestreben aller Fachleute darauf gerichtet, die Wiedergabe organisatorisch und pressetechnisch so zu gestalten, dass man sie für die Wahrheit ansieht, und dass dabei doch die vielen Interessen von Auftraggebern, Industrien und Parteien gewahrt bleiben. Der Redakteur ist durchdrungen von dem Axiom, dass man kein Ereignis so wie es geschehen ist vermelden könne, und deshalb kommt ihm gar nicht mehr zum Bewußtsein, wie er die Wirklichkeit verfälscht. Ich schalte bei dieser Untersuchung alle Fälle der klaren – ungefährlichsten – Korruption aus und nehme die landesübliche Praxis zum Gegenstand meiner Betrachtung. Wesentlich an einer Zeitung ist zunächst und vor allem, was sie bringt, und was sie nicht bringt. Niemand wird annehmen, dass täglich stets grade so viel geschieht, wie in sechzehn Seiten hineingeht – aber fast jeder wird annehmen, dass da das Wesentlichste, gewissermaßen der Extrakt aller täglichen Geschehnisse, zu lesen sei. Ich glaube nicht, dass das der Fall ist. Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen – und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch. Jede Zeitung hat eine Reihe Personen, Dinge, Interessensphären, die tabu sind – von ihnen wird niemals, weder im guten noch im bösen Sinne, gesprochen. Oft genug erfährt der Leser von großen Geisteserscheinungen, von geistigen Epidemien, von bedeutenden Kollektivitäten erst lange, nachdem sie sich gebildet, und lange, nachdem sie im Tageslicht gewirkt haben. So existiert, zum Beispiel, fast für die gesamte Presse das große religiöse Streben nicht, das neben der offiziellen Religion einherläuft, in ihr keine Befriedigung findet und sich in Sekten und Aposteln Ersatz sucht. Damit ist zweierlei erreicht: der Leser wird all diese Dinge für nicht wesentlich halten, und die öffentliche Resonanz, die unterstützen würde, fehlt. Es muß einer sehr stark sein, wenn man ihn nicht totschweigen kann. Demgegenüber steht, was die Zeitung bringt. Und hier hilft nun die Realität nach. Wir werden weiterhin sehen, welche Mittel sie benutzt, um sich die Aufmerksamkeit der Presse, und damit der Öffentlichkeit, zu sichern – fest steht, dass die Presse nicht einfach spiegelt, sondern auswählt, und bei dieser Auswahl auf das kräftigste durch die Realität selbst unterstützt und beeinflußt wird. Es ist selbstverständlich, dass reine Parteiblätter in der Auswahl ihrer Nachrichten tendenziös verfahren. Sie werden unbequeme Dinge gar nicht oder kurz, genehme Dinge ausführlich darstellen. Alle andern Blätter aber sehen gleichfalls nicht unbefangen ins Land hinaus, meldend, wie Lynkeus, was sie von ihrer Warte aus sehen, ohne sich darum zu kümmern, ob es Feuersbrünste oder fremde Kauffahrer, Mord oder Bauerntanz zu melden gibt. Teils suchen die Zeitungen, was sie melden wollen; teils rückt es ihnen die Wirklichkeit in den Vordergrund. Zwischen dem Totschweigen und der gedruckten Nachricht gibt es nun zweierlei Zwischenstufen. Bestimmt werden sie durch die ›Aufmachung‹. Der Leser, dem du ein Bündel Depeschen (W. T. B.; private Handelsdepeschen; politische Sonderberichte) in die Hand drücktest, würde in den seltensten Fällen fähig sein, sich daraus ein Weltbild zu gestalten, das Wichtige vom Unwichtigen zu sondern, sich die Nachrichten selbst zu gliedern. Das besorgt die ›Aufmachung‹. Der Durchschnittsleser erlebt die Welt so, wie sie ihm seine Zeitung vermittels großer und kleiner Schriftgrade ordnet. Er teilt –– unbewußt – die Erde in Groß- und Kleingedrucktes ein. Und weiß nur selten, dass er der Spielball einer sehr klugen Berechnung ist. Der Verfasser der Schlagzeile, der Anordner von Fettdruck weiß, was er tut. Der Leser weiß selten, was er liest, und verwechselt das Arrangement mit der Schwere des Ereignisses. Das soll er auch. All diese Mittel werden durchaus versteckt angewandt. In einem ausgezeichneten Heftchen von Oswald Rossi (›Journalistische Dialektik‹, erschienen 1920 bei Jahoda & Siegel zu Wien) finden sich diese Kunstgriffe zusammengestellt, und es ist erstaunlich, wie sie um so eher wirken, je primitiver sie sind. Am gefährlichsten sind sie dann, wenn sie – wie fast bei der gesamten bürgerlichen Presse und vor allem bei den Generalanzeigern – geheim auftreten. Ein Leitartikel der ›Freiheit‹ ist eine klare Sache – eine gefärbte Lokalnotiz der ›Allensteiner Zeitung‹ keineswegs. Eine politische Versammlung ist ein gutes Propagandamittel – ein besseres die feine Einträufelung einer Tendenz bei einem Kinderfest, einem Hauskauf, einem Streit mit einer Versicherungsgesellschaft: noch besser aber als alle zusammen eignet sich für die Propaganda die Nachricht über all diese Dinge. Die Tendenz dringt dabei in einen Körper ein, der gar nicht auf dergleichen gefaßt ist – der locus minimae resistentiae ist gefunden. Das wird wohl immer so gewesen sein. Was aber erst im Industriezeitalter zur Vollendung gediehen ist, das ist die Beeinflussung der Presse durch die Wirklichkeit, durch eben diese Wirklichkeit, die reproduziert werden soll. Das Objekt herrscht. Jede Institution – die katholische Kirche wie ein Seifen-Syndikat – hat das größte Interesse daran, dass von ihr in der Presse zu Zeiten gar nicht, zu Zeiten viel – und dann in einem bestimmten Sinne – gesprochen wird. Jede moderne Organisation trägt diesem Bestreben Rechnung und hat sich deshalb eine Pressestelle angegliedert. Man kann wohl sagen, dass alle wirtschaftlichen und politischen Kollektivitäten ein gut Teil ihrer Arbeit darauf verwenden, vor der Öffentlichkeit in einem bestimmten Lichte zu erscheinen. Denn dieser Schein ist wichtiger als ihre reale Existenz und oftmals unmittelbar erfolgbringend. Der Mittel sind viele. Da sind zunächst die ›Beziehungen‹. Im Sprechsaal des ›Buchhändler-Börsenblattes‹ (einem der reaktionärsten und interessantesten Blätter Deutschlands) fand sich neulich der Vorschlag eines Sortimenters an die Kollegenschaft, sie sollten sich doch alle bemühen, Besprechungen über Bücher der und der Art in den Textteil der Zeitungen ihres Heimatortes zu ›lancieren‹. Wie man das macht, war nicht angegeben. Der Anfang vieler politischer und wirtschaftlicher Aktionen ist der, die ›Presse dafür zu interessieren‹. Ganz gleich, welche Mittel dafür angewandt werden: ob ein Diner, ein Geldkuvert, eine Frau oder nur eine Schmeichelei – klar wird, wie die Realität, die reproduziert werden sollte, nun für ihr Teil die Führung ergreift und dem Wiedergabeorgan erst zeigt, was wiedergegeben werden soll. So wie, nach Strindberg, die Frau hinter dem Bilde, das sich der Mann von ihr macht, lauernd hockt und auf Beute wartet, so hockt hinter den Zeitungsberichten die Wirklichkeit und wartet auf die Wirkung der von ihr lancierten Nachricht. Der Zusammenhang zwischen Annoncenmarkt und Redaktion ist an dieser Stelle zu nennen. Er ist nur bei Käseblättern, vor allem in der Provinz, klar und offen. In den gefährlichem Fällen verbirgt er sich hinter »Zweckmäßigkeiten«, hinter ›Opportunitätserwägungen‹ – ja, dieser Zusammenhang braucht dem anständigen Redakteur oft gar nicht bewußt zu sein. Er ist vorhanden, denn die Zeitung ist ein Geschäft. Der Fall offener Korruption ist selten. Das ist für die Reinigung der öffentlichen Atmosphäre nicht gut – denn die Aufdeckung solcher Fälle würde die Achtung vor der Presse vermindern, und niemand nähme sie mehr so ernst wie heute, da sie weit schlimmer als korrupt ist: nämlich beeinflußt. Und zwar unkontrollierbar beeinflußt. Es ist den Redakteuren so in Fleisch und Blut übergegangen, nicht zuletzt an die Wahrheit, sondern zuletzt an die Wirkung ihrer Nachricht zu denken, dass in einem Fachorgan erwogen wurde, inwieweit man über das Elend Deutschlands berichten solle. Einerseits sei es von Nutzen, andrerseits von Schaden ... Die Wahrheit zu berichten, koste es, was es wolle – davon war nicht die Rede. Die Wirklichkeit drängt sich also vor und imputiert der Presse, was geschehen und was zu berichten ist. Die Presse nimmt längst keine bloße Kenntnis mehr von der Realität – sondern die Realität hat die Presse genommen. So wird tot geschwiegen und lebendig geschrieben. Kein Leitartikel, keine Glosse, kein Bildchen, hinter denen nicht irgendeine unausgesprochene Tendenz steckte. Es wird immer etwas gewollt, was nicht gesagt wird. Man könnte den Text jeder Zeitungsnummer ins Wirkliche übersetzen. Die Wirkung dieses Nachrichtendienstes, dessen ungeschickteste und gewissenloseste Vertreter die deutschen Offiziere der Abteilung III b im Kriege waren, ist verschieden. Der Redakteur bekommt mit der Zeit den Größenwahn. Besonders der beschränkte, der nicht sieht, dass er nur Handwerkszeug Größerer, hinter ihm Stehender ist. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, dass das, was er nicht drucken läßt, für Hunderttausende nicht existiert – dass das, was er den Leuten mit der Papageientaktik in die Köpfe lärmt, für sie im Mittelpunkt der Erde steht. Er wird also immer mehr auf die Wirkung als auf die Wirklichkeit sehen. Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eignes Wesen aufklärt, und weil eine andre Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist. Die Wirkung auf den Leser wird in fast allen Fällen die gewünschte sein. Das Korrektiv mehrerer Zeitungen leisten sich außer den Fachleuten nur wenig Menschen – und so entsteht ein Weltbild, wie es entstehen soll, nicht, wie es ist. Wirklich Lebenskräftiges kann die Presse zwar nicht töten. Aber sie kann das Wachstum hindern, störend eingreifen, Schädliches länger am Leben erhalten, Konfusion anrichten. Man kann den Katholizismus nicht totschweigen. Aber man kann falsche Gedanken hundert Jahre länger konservieren. Das wirklichkeitsstärkste Element hat auch immer die Presse in der Hand – der Satz ist richtig, wenn man unter ›wirklichkeitsstark‹ die souveräne Beherrschung aller Mittel der Lebensklugkeit, der Gasse und der Gosse versteht. Das Weltbild der Zeitung ist absichtlich viel zu verzerrt, als dass es jemals Anspruch auf Wahrheit machen dürfte. Das kann nicht oft genug wiederholt werden. Denn die Erkenntnis, dass eine Nachricht ›in der Zeitung gestanden‹ hat und deshalb wahr ist, ist eine falsche Erkenntnis. Besserung? Wenn man die ausgezeichneten Aufsätze Wilhelm Schwedlers in der ›Deutschen Presse‹ gelesen und daraus ersehen hat, wie dicht das Netz schon ist, das die deutsche Presse umstrickt hält: dann scheint offene Korruption immerhin wünschenswerter, damit niemand mehr diesen Korrespondenzen und Zeitungen glaube. Wohl noch nie ist in einem Fachorgan mit solchem Freimut über die Nachricht als Handelsobjekt gesprochen worden. Bei aller Milde eine vernichtende Kritik des Nachrichtenwesens, wie es ist – und nicht sein soll. Die Industrie, die Partei, die Regierung, die Kirche – sie alle wissen, was sie an der Presse haben. Die Wirklichkeit, wie sie die Zeitung serviert, hat ein Sieb passiert. Was da steht, das ist nicht die Welt. Das ist: Die Welt Gekürzte Volksausgabe und für den Schulgebrauch bearbeitet.
Man sollte sich lieber an das Original halten.
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2.- Vor acht Jahren
Als ich heute vor acht Jahren die Kantstraße in Berlin hinunterging, rasten die Leute in patriotischer Besoffenheit. Sie rissen sich Extrablätter aus den Händen, gestikulierten wild, liefen hinter dunkelhäutigen Menschen her, die sie in ihrem Wahnwitz für Spione hielten, und erstarben in Ehrfurcht, wenn irgendeine Uniform monokelblitzend nahte. Vor einem Gemüsekramladen stand ein älterer Mann, neben ihm seine Frau und drei Kinder. Sie standen da, in einer Reihe und weinten. Wer aus Berlin stammt, wird verstehen, daß dieser Anblick wahrscheinlich zu jeder anderen Minute ein wenig komisch gewirkt hätte: in dem Augenblick war mir gar nicht zum Lachen. Die Straße stand auf dem Kopf – dieser eine wußte, was ihm bevorstand. Die anderen schienen es nicht zu wissen. Wie sich das Land in jenen schandbaren Augusttagen 1914 benommen hat, kann man heute noch an der stolzen Befriedigung erkennen, mit der die Nationalisten von dem Hereinfall einer ganzen Nation sprechen. Sie nennen diese [242] Mischung von Presselügen und einer erzwungenen Wehrpflicht den ›Geist von 1914‹, und so sah er auch aus. Wir wollen heute ehrlich sein: bis tief in die Arbeiterschaft hinein hatte sich der Massen ein Rausch bemächtigt, den allerdings Schule und preußisches Militär ausgezeichnet vorbereitet hatten, der ›Berliner Lokalanzeiger‹ und die gesinnungsverwandten Papiere bescheinigten es jedem Herrn Piefke, daß er nunmehr ›Geschichte‹ erlebe, und daß es eine ›große Zeit‹ sei. Ja, das war sie – nur leider ein paar Nummern zu groß. Ich bereitete damals als junger Student den Sohn eines adligen preußischen Generals mit sehr bekanntem Namen zum Einjährigen vor, und der junge Herr war leider so dämlich, daß es ihm Seine Majestät der Kaiser schließlich schenkte. An diesem Tage sah ich ihn wieder: da fuhr dieses uniformierte Stück Malheur in einem Automobil den Kurfürstendamm herunter, unbeschreiblich hindenburgisch auf einen großen Schlachtensäbel gestützt. In den kleinen dummen Äuglein lag ein Blitzen: »Das ist meine Zeit!«. Es war seine. Denn der Tanz, der nun auf den krummgeprügelten Rücken der Proletarier anhub, ließ jene trockenen Fußes durch das Rote Meer gehen, die ihr Maul gar nicht weit genug für das Sterben der anderen aufreißen konnten. Man weiß eigentlich heute nicht, was widerwärtiger war: das Benehmen des deutschen Offizierkorps im Kriege den eigenen Landsleuten gegenüber (die Reichswehr hat noch heute ›Traditionskompanien‹, damit das ja nicht vergessen wird!) oder die Haltung der Regierung. Wir wollen uns doch daran erinnern, daß diese Edlen noch in letzter Minute, als die Balken des Hauses vor dem Einsturz knisterten, den Arbeitermassen das allgemeine Wahlrecht verweigert hatten, denselben Massen, die draußen ihre Brust den feindlichen Geschossen, an denen so herrlich viel verdient wurde, hinhielten, denselben Arbeitern, die Posten schoben, durch Sümpfe und Lehmgräben kletterten, verlaust und verdreckt jahrelang fern von Heim und Haus, von Arbeit und Kindern aushalten mußten. Dem geschulten Arbeiter ist heute klar, was dieser Krieg gewesen ist. Er war nicht etwa eine Naturnotwendigkeit, nicht das Aufeinanderprallen zweier Geistesrichtungen, nicht das ›Stahlbad‹ für die Seele eines Volkes. Er war etwas anderes. Dieser Krieg war die natürliche Folge des kapitalistischen Weltsystems. Er hatte ferner seinen Ursprung in einer lächerlichen Überspannung der Staatsidee, jener Souveränität, die in einem ordentlichen Rechtsverfahren, wie wir es alle Tage erleben können, schon eine Schädigung seines Ansehens erblickte. Die Militärs, die ursprünglich Mittel gewesen waren und nun als Selbstzweck die Stunde regierten, hetzten ihrerseits, wo sie nur konnten. Der reisende Kommis, den ein Volk 25 Jahre lang auf dem Thron geduldet hatte, war aus Norwegen heruntergedampft gekommen und hatte seine unsterblichen [243] Randbemerkungen in die Akten geschmiert: »Blech, Quatsch! Verbrecherbande!« Seinen 6 Söhnen ging es gut. Die Nation war abkömmlich: kv. Über die Seele des deutschen Soldaten im Felde wissen wir heute Bescheid. Diese stumpf gewordenen, gleichgültig dahintrottenden Menschen, die froh waren, den nächsten Tag zu erleben, hatten überhaupt keine Seele mehr: die hatten sie sich ausmarschiert, und die hatte man ihnen ausgedrillt. Eingedrillt aber hatte man ihnen den stumpfsinnigsten Gehorsam, den die Weltgeschichte kennt und der sie zwang, vor Achselstücken zu parieren, wo Gehirne fehlten. Daß sich auf beiden Seiten als Mithelfer dieser Schande Geistliche etablierten, sei vermerkt. Matth. 5, 43-46: »Ich aber sage Euch: Liebet Eure Feinde; segnet, die Euch fluchen; tut wohl denen, die Euch hassen; bittet für die, so Euch beleidigen und verfolgen.« Das Wort ihres Herrn hatten sie vergessen. In den Armeeoberkommandos ging es inzwischen heiter her. Die Menüs aus dem Großen Hauptquartier sind für heutige Preise überhaupt nicht mehr erschwinglich, und es war wenigstens ein Trost, daß alle Speisenamen deutsch geschrieben wurden: es schmeckte patriotischer. Die Etappe . . . Man hat alle Schuld auf die Etappe geschoben. Aber die Etappe war nicht vom Mond heruntergefallen; sie zeigte nur den deutschen Vorgesetzten, wie er war, wenn es ihm nicht unmittelbar an den Kragen ging: auch in der Etappe haben deutsche Offiziere gestanden, und zwar sehr viele. Man soll seinen politischen Gegner nicht im Bett aufsuchen, aber wenn man diese Marke Patrioten vom Kronprinzen bis herunter zu Knüppel-Kunze nicht in den Betten der Etappe aufsucht, dann wird man sie wohl kaum finden. Die Ausschreitungen des Entente-Militarismus am Rhein sind nicht zu entschuldigen. Aber haben die Herren, die heute mit ihren ›Kriegsandenken‹ zu Hause sitzen, vergessen, daß da quittiert wird? Quittiert, was von Charleville bis zum kleinsten rumänischen Gendarmeriekommando gemacht worden ist? Was heute auf Minister schießt, war früher Offizier und kommandierte krähend die völkerrechtswidrige Zwangsarbeit der Belgier und Belgierinnen in Lille, wobei die Frauen aus anständigen Familien sämtlich sittenpolizeilich untersucht wurden. (Wenn man den ganzen Tag über den Bolschewismus bekämpfen muß, dann vergißt man solche Kleinigkeiten.) Die Niederlage kam. Kein Wasser und kein Blut wäscht von Herrn Ludendorff geb. Lindström jene Telegramme ab, in denen er mit seinem Freund Hindenburg um Waffenstillstandsverhandlungen innerhalb 24 Stunden wimmerte. Die Helden hatten 4 Jahre gebraucht, um zu bemerken, daß sie nicht siegen konnten. Heute bespeien sie die Heimat und verbreiten die Dolchstoßlegende und können alle nichts dafür. [244]Die Lehre –? Generale können keinen Krieg führen, wenn sie keine Soldaten haben. Die Mißhandlungen, die deutsche Gefangene von französischen Militärs erdulden mußten, veranlassen heute noch viele, zu sagen: »Wenn es gegen Frankreich geht, dann nehme ich die Knarre auf den Buckel und gehe noch mal mit!« Aber er schösse auf Genossen, auf Arbeiter, wenn er noch mal mitginge, auf Menschen, die genau so unter der Knute des Kapitalismus zu leiden haben, wie der übereifrige Schütze selbst. Die Richtigen, die, die wirklich schuld sind, wird er niemals treffen. Die sitzen in Paris, wie sie bei uns in Berlin saßen. Die Lehre –? Es ist an uns, nicht nur für unsere eigene Person jeden Kriegsdienst zu verweigern. Es ist an uns, durch Erziehung der Jugend auch unseren Kindern jenen dreimal verfluchten preußischen Geist auszutreiben, der so viel Unglück angerichtet hat in der Welt. Wollt ihr euch noch einmal betölpeln lassen? In ihren Zeitungsberichten und in ihren Lügenlesebüchern tun sie so, als ob sie brave deutsche Landsknechte des Mittelalters gewesen waren. Es waren aber nur verkleidete Kaufleute. Ehre dem Andenken Karl Liebknechts, eines der wenigen, die im Weltenwahnsinn den Kopf mannhaft hochgetragen, ihn nicht unter den Stahlhelm beugten!. Ehre dem Andenken aller derer, die mit ihm mit allen Mitteln – auch ungesetzlichen – gegen den Krieg gearbeitet haben!. Die Lehre –? Sie kann für den, der mit offenen Augen in die Welt sieht, nur die eine sein. Für uns Sozialisten kann es nur eine einzige Lehre dieses Krieges geben. Und wenn noch einmal ein größenwahnsinnig gewordenes Beamtentum und eine Clique geldgieriger Kanonenfabrikanten, Brotwucherer, reklamierter Redakteure, abgedankter Fürstlichkeiten mit ihren eitlen, ruhmsüchtigen Frauen zum Kriege hetzen, dann möge der anständigere Teil der deutschen Nation, dann möge die gesamte Arbeiterschaft wie ein Mann aufstehen, ihnen Helm und Fahne aus der Hand schlagen und, belehrt durch Blut, gehärtet durch Leid in den Ruf ausbrechen: Nie wieder Krieg! Freiheit, 01.08.1922. | |||||||||
3.- Die Redensart Kurt Tucholsky, (Peter Panter) Die Weltbühne, 14.06.1923, Nr. 24, S. 701. To top Bald fehlt uns der Wein, Hebbel Ich kannte eine angesehene, stattliche Dame, die hatte die Gewohnheit, mit offenen Augen am Tage zu schlafen und niemals zuzuhören, wenn jemand mit ihr sprach. Die Leute erzählten ihr lange Geschichten, wie sie so die Leute erzählen: Ehescheidungsklatsch, Dienstbotennöte, Geldgeschichten, was weiß ich – und sie schlief und hörte durchaus nicht zu. Wenn aber der andre zu erzählen aufgehört hatte und schwieg und eine teilnehmende Antwort erwartete, dann fuhr meine Dame auf und sagte ein Wort, ›das‹ Wort ihres Lebens, eines, das sie stets sagte, nach jeder Geschichte, und das auch zu allen paßte: »Ja, ja! Etwas ist immer –!« Dies war ihre Antwort, und was darüber war, das war meist vom Übel, Aber dieses Wort wird bleiben. Etwas ist wirklich immer. Arthur Schopenhauer hat ja das Glück als den unglücklosen Zustand definiert und damit das Malheur als das Primäre angesehen. Und von ihm stammte ja auch jener grandiose Ausspruch, er habe als Jüngling beim Klingeln der Türglocke empfunden: »Ah – jetzt, jetzt kommt es!« – und später, im Alter, wenn es an der Tür klopfte: »Jetzt – jetzt kommts!« Und es kam immer etwas. (Einmal sogar eine Nähterin, die er die Treppe hinunterwarf.) Gäbe es keine Sorgen, man müßte sie erfinden. Aber, unbesorgt, wir sind nie unbesorgt. Etwas ist immer. Hundegebell; Liebeserhörung bei zu engem Kragen; guter Rotwein, aber ein grober Kellner, höflicher Kellner, aber ein schrecklicher Surius; Obermieter, die uns auf dem Kopf herumtrampeln, weil sie Flußkähne statt der Stiefel tragen; unerwünschter Familienzuwachs; Konkurs, Weltkrieg und Verdauungsbeschwerden – etwas ist immer. Aber wir sind mit daran schuld. Unser Apparat ist viel zu groß. Kein Wunder, wenn immer irgendein Rad zerbrochen ist, eine Kette schleift, eine Schraube quietscht. Mit dem Aufwand, den wir heute treiben, eine lange Reise zu tun, haben die Griechen früher ihre kleinen Kriege absolviert, und Ruhe geben wir nie. Ich kann mir unsre Börsianer so richtig im Paradies, wie sie in dasselbe kommen, vorstellen: es zieht, das Eintrittsgeld war zu hoch, einen Kurszettel gibt es nicht, und so haben sie es sich überhaupt nicht vorgestellt. (Verkauft Eva Ansichtskarten? Nein. Also: Paradies-Baisse, Krach, Umzug in die Hölle. Den Rest siehe oben.) Etwas ist immer. Es hat nie eine treffendere Redensart gegeben. Und, wissen Sie, der ganze Spektakel hat eigentlich so wenig Sinn. Denken Sie sich, was wir in den letzten acht Jahren alle miteinander angegeben haben, und was ist dabei herausgekommen? Dieses Europa. Etwas ist immer, es ist ein bißchen viel für einen einzelnen Herrn. Und die Einwohnerschaft dieses Kontinents ist reichlich nervös geworden, so nervös, dass sie ordentlich danach sucht, wenn einmal nichts ist – ärgerlich schweift der Blick umher, dass er etwas finde, was nicht stimmt. Denn bei uns ist etwas nicht in Ordnung, wenn alles in Ordnung ist, und etwas ist immer, und zum Kampfe ist der Mann, ausgerechnet, auf der Welt. Wie sagt der Kinoregisseur? »Licht! Bewegung! Großaufnahme!« Glück ist der Zustand, den man nicht spürt, sagt der Weise. Wo gibt es noch reine Freuden? Ich glaube: nur noch in dem alleinseligmachenden Zustand, wo jener, glücklich lächelnd, in der Droschke saß und den Kutscher fragte, wieviel Uhr es sei. Und der Kutscher antwortete: »Elf Uhr, Herr!« Und jener, im Vollbewußtsein der irdischen Seligkeit: »Gestern – oder – heute?« Siehe, das ist das Glück. Aber der hat am nächsten Morgen einen unfreundlichen Kater und muß büßen, dass er den Flug von der Erde versucht hat. Und kraucht wieder unten – und etwas ist immer. Wir aber sehnen uns. Nach jenem Zustand, der uns glücklich und leicht mache – nach jenem legendären kleinen weißen Häuschen, das ein Hort der Zufriedenheit sei und eine Ruhestätte vor allem Jammer. Dahin möchten wir so gern einmal.
Aber das Heim hat keine Zentralheizung, nebenan ist eine Lederfabrik mit übelduftendem Schornstein, das Weib unsrer Wahl ist dick geworden, und der Junge ist auch nicht so, wie wir ihn uns dachten: zum Diplomaten zu klug, zum Filmschauspieler zu häßlich, zum Bankier zu dumm und für einen bürgerlichen Beruf ungeeignet. Da sitzest du vor einem Idealhäuschen, die Linden rauschen, der Bach murmelt, der Mond scheint. Und in deinem Herzen keimt eine leise kleine Sehnsucht auf nach der großen Stadt, nach ihrem Lärm und nach ihrem Ärger. Ruft deine liebe Adelheid? Laß sie rufen. Aber sie ruft, lauter und nicht melodiöser. Und seufzend gehst du ins Haus ... Und laß dir nichts erzählen von feinen Inschriften für deinen Grabstein. Ich habe eine für dich, wie nach Maß gearbeitet, verlaß dich drauf, sie paßt wundervoll. Schreib: Etwas ist immer. |
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4.- Der Preußenhimmel
Petrus (vor einer Engelsfront): Brust raus, der rechte Flügelmann! Was ist das wieder für eine himmelschreiende Richtung! Wollt ihr die Heiligenscheine zusammennehmen! Der zweite Engel mehr nach hinten! So – so ... Halt! Bei allen Heiligen! – Nicht mit den Flügeln wackeln! Ganze Abteilung – kitt! Ganze Abteilung – kitt! Der liebe Gott (von rechts) Petrus: Achtung! Augännnnnn – rechts! (Ruck) Ein Petrus – zwei Oberengel – siebenundachtzig Engel zum Exerzieren angetreten. Der liebe Gott: Danke! Mojn, Leute! Die Engel (in einer Silbe): Guten Morgen, lieber Gott (sprich Bau!) Der liebe Gott: Na, gibts was Neues, lieber Petrus? Petrus: Nein, Exzellenz! Der liebe Gott: Sehn gut aus, die Leute! Kriegt ihr eure Löhnung auch pünktlich? Die Abteilung: Zu Befehl, lieber Gott! Der liebe Gott: Lassen Sie die Leute wegtreten! Petrus: Weggetreten! (Abteilung ab) Der liebe Gott: Komm Sie mal mit in die Kanzlei, mein lieber Petrus! Wolln uns mal den Zugang ansehn! Petrus: Zu Befehl, Exzellenz! (In der Aufnahmekanzlei) Ein Arbeiter (beschmutzter und aufgerissener Rock. Zerschlagenes Gesicht. Zerschlagene Hände, Hinkt. Richtet sich mühsam auf, als er des lieben Gottes ansichtig wird): Guten Morgen! Petrus: Warten Sie gefälligst, bis Sie gefragt wern! Und nehm Sie mal hier ne stramme Haltung an, vastanden! Sie sind hier nicht in Ihrem sozialdemokratischen Parteibüro! Heißen? Der Arbeiter: Pettenkofer! Petrus: Ich bin Wachtmeister. Heißen? Der Arbeiter: Pettenkofer. Petrus: Pettenkofer, Herr Wachtmeister, heißt das, du dußlige Sau! Wie heißt das? Der Arbeiter: Pettenkofer, Herr Wachtm ... ach, entschuldigen Sie, bin ich hier richtig, im Himmel? Petrus: Halten Sies Maul, wenn Sie mit mir reden! Was willst du hier? Der Arbeiter: Ich wurde bei Marburg ermordet. Mein Leib lag auf der Chaussee. Studenten erschossen mich. Mein Tod ist ungesühnt. Der liebe Gott (erhebt sich in seiner ganzen Größe. Gardemaß): Scheren Sie sich raus! Was glauben Sie denn eigentlich! Meinen Sie, wir sind hier in einem Kommunistennest? Wenn die braven Marburger kommen, werden wir sie aufnehmen! Sie nicht! Raus! Scher dich zum Teufel! Der Arbeiter (stumm ab) Der liebe Gott (drin): Was sich diese Leute alles einbilden! Noch liegt Deutschland unter meinem Himmel und liegt mein Himmel über Deutschland! Petrus: Zu Befehl, Exzellenz! Der Arbeiter (draußen): Wahrlich, so wie es drunten ist, so wird es auch droben sein! Die Hölle? Ich bin vier Jahr Soldat gewesen. Der liebe Gott (drin): Wissen Se – is doch 'n janz anderer Zug im Himmel, seitdem mich Willem zum preußischen lieben Gott ernannt hat. Der hohe Alliierte droben, hat er immer jesagt ... Schade, dass er den Krieg verloren hat! War doch alles so nett organisiert ... ! Hatn auch eijentlich gar nicht verloren ... Die andern haben bloß jesiegt –! Petrus! Petrus: Exzellenz? Der liebe Gott: Noch jemand? Petrus: Werde gleich mal nachsehn, Exzellenz! (öffnet eine Tür) Zugang? Eine Stimme: Jawohl. Petrus: Rein! Der Zugang (preußische Leutnantsuniform. Knallt an der Tür die Hacken zusammen, dass der Kalk von den Wänden rieselt) Der liebe Gott: Bitte, Petrus. Petrus: Name? Der Zugang: Arco-Valley. Petrus: Beruf? Der Zugang: Bayerischer Nationalheld. Petrus: Zuletzt wohnhaft? Der Zugang: Polizeilich gemeldet: Zuchthaus Straubing. Daselbst lebenslänglich verbüßt: einen Monat. Aufenthaltsort: München. Bin mit eijenem Fluchzeug hier raufjeflogen. Petrus: Himmlische Qualifikationen? Der Zugang (hebt die rechte Hand. Es klebt Blut daran) Der liebe Gott (interessiert): Ah –? Der Zugang (sehr stramm): Eisner, Exzellenz. Der liebe Gott (befriedigt): Soso – soso. Weiter, Petrus. Petrus: Na, Herr Baron, wissen doch aber ... Du sollst nicht ... Herr Baron sollen nicht töten? Der Zugang (herunterrasselnd): Ich habe von meinem nationalen Recht der Notwehr Gebrauch gemacht, indem ich einen landfremden Schädling beseitigte, wie es mir mein Gewissen befahl. Der Dank aller Guten ist mir gewiß, von einer Prokuristenstellung gar nicht zu reden. Petrus: Bon. Schwere Arbeit jewesen, Herr Baron? Der Zugang: Von hinten erschossen, Wachtmeister. Petrus (fragender Blick zum lieben Gott. Der nickt): Passiert! Der Zugang: Danke gehorsamst. (ab) Der liebe Gott: Kolossal ordentlicher Mann. Und wir rüsten nicht ab, und unsere himmlische Wehr behalten wir auch – und unsere Fahne ist Schwarz-Weiß-Rot – und wenn ich alle guten Preußen und deutschen Soldaten erst bei mir hier oben habe –: dann wird mir ganz wohl sein! Petrus: Mir auch, Exzellenz! Das deutsche Arbeitervolk (von unten): Uns auch, Exzellenz! Uns auch –! | |||||||||